Impfen des Hundes Teil II

Eine Positionsbestimmung von Ralph Rückert, Tierarzt (Teil 2)

Quelle: © Kleintierpraxis Ralph Rückert, Bei den Quellen 16, 89077 Ulm / Söflingen

www.tierarzt-rueckert.de

 10.01.2015

 Fortsetzung von Impfen 1

 

 Jetzt kommen wir zum eigentlich heißen und ohne Unterlass für Diskussionen sorgenden Thema, auf das Sie wahrscheinlich alle gewartet haben, nämlich zu den Auffrischimpfungen nach abgeschlossener Grundimmunisierung. In diesem Punkt, der Dauer der Immunität (Duration of Immunity, DOI) gibt es große Unterschiede in der Auffassung auch der Experten, was man an unterschiedlichen Empfehlungen in den verschiedenen Leitlinien gut ablesen kann. Wir kommen leider wieder nicht umhin, die Impfkomponenten einzeln zu betrachten.

 

Tollwut bei Hund und Katze: Was diese Impfung angeht, gibt es keine Diskussion, solange sich die gesetzlichen Rahmenbedingungen nicht ändern. Wird der Impfschutz benötigt, muss er auch aktuell gehalten werden. In welchen Zeitabständen eine Auffrischung zu erfolgen hat, geht verpflichtend aus dem Beipackzettel des verwendeten Impfstoffes hervor. Bei den in meiner Praxis gebräuchlichen Impfstoffen (Nobivac T für den Hund und Purevax Rabies für die Katze) ist die DOI nach abgeschlossener Grundimmunisierung mit drei Jahren festgesetzt. Um im rechtlichen Sinne den Impfschutz lückenlos aufrecht zu erhalten, darf diese Frist nicht um einen Tag überschritten werden. Ist der Nachimpftermin überzogen worden, führt das zu einer erneuten Karenzzeit von 21 Tagen, bis die Impfung wieder für den Reiseverkehr gültig ist. Besonders wichtig ist dieser Punkt für Tiere, bei denen schon mal der offizielle Tollwut-Titer für Reisen in nicht gelistete Drittländer als ausreichend bestimmt wurde. Bei lückenloser, termingerechter Nachimpfung bleibt diese Titerbestimmung lebenslang gültig. Wird dagegen ein Nachimpftermin auch nur um einen Tag überschritten, muss die Titerbestimmung erneut durchgeführt werden.

 

- Die Staupe/Hepatitis/Parvovirose-Combo beim Hund: Die Stiko Vet hält Nachimpfungen im dreijährigen Abstand für ausreichend, die Impfempfehlungen der Universität München gehen von einer DOI von drei bis vier Jahren aus und in den Leitlinien der WSAVA ist (vergleichsweise progressiv) von Nachimpfungen nicht häufiger als alle drei Jahre die Rede. Speziell die WSAVA lässt da also richtig Luft nach oben, was durchaus bemerkenswert ist. Im Prinzip akzeptiert die Vaccination Guideline Group der WSAVA mit dieser Formulierung sogar die Unterstellung einer lebenslangen DOI, also den gänzlichen Verzicht auf Auffrischimpfungen nach Abschluss der Grundimmunisierung.

 

- Parainfluenza beim Hund: Die notwendigen Zeitabstände für Nachimpfungen sind umstritten. Während die Stiko Vet und die WSAVA von nur einem Jahr ausgehen, hält die Medizinische Kleintierklinik München eine DOI von mindestens drei Jahren für gegeben und rät darüber hinaus bei Hunden, die keinem starken Infektionsdruck durch Großveranstaltungen oder ähnlichem ausgesetzt sind, nach der erfolgten Grundimmunisierung von weiteren Nachimpfungen ab. Allerdings: Auf der Website der Kleintierklinik gibt es einen Widerspruch. In einer Publikation wird das Nachimpfintervall für die Parainfluenza mit drei Jahren angegeben, in der anderen mit nur einem Jahr.

 

Leptospirose beim Hund: Hier herrscht Einigkeit, dass für eine Aufrechterhaltung der begrenzten Schutzwirkung mindestens jährliche Nachimpfungen nötig sind.

 

- Die Katzenseuche/Katzenschnupfen-Combo bei der Katze: Da stoßen wir schon wieder auf gravierende Unterschiede in den Auffassungen der Experten. Zwar wird für die Katzenseuche-Komponente einheitlich eine DOI von drei Jahren oder mehr unterstellt, bezüglich der beiden Katzenschnupfen-Komponenten (Calici und Herpes) aber sieht die Stiko Vet die DOI für Freigänger bei nur einem Jahr, bei Stubenkatzen bei zwei Jahren. Die Medizinische Kleintierklinik München und die American Association of Feline Practitioners AAFP gehen dagegen bei sorgfältig grundimmunisierten Katzen von einer DOI von drei Jahren aus. Die WSAVA gesteht zu, dass die beiden Schnupfenkomponenten keine so robuste Immunität bieten wie die gegen Katzenseuche, empfiehlt aber trotzdem (mit leichtem Zähneknirschen, wie es scheint) ein Intervall von drei Jahren.

 

Feline Leukämie (FeLV) bei der Katze: Wieder Uneinigkeit! Die Stiko Vet empfiehlt die jährliche Nachimpfung und nennt keine Altersbegrenzung nach oben. Die WSAVA rät zur Nachimpfung nicht häufiger als alle drei Jahre, wieder ohne Altersbegrenzung. Die Münchner Kleintierklinik dagegen hält Intervalle von drei Jahren für ausreichend und stellt ab einem Alter von etwa 8 Jahren diese Impfung ein, weil sich zu diesem Zeitpunkt eine Altersresistenz gegen die Krankheit entwickelt haben sollte.

 

Übrigens, wichtige Info: Wenn ein Tier nach korrekter Grundimmunisierung aus irgendwelchen Gründen über längere Zeiträume nicht nachgeimpft worden ist, ist nicht etwa eine wie auch immer geartete erneute Grundimmunisierung mit mehreren Impfungen notwendig. Lassen Sie sich da nichts einreden. Eine einzige Auffrischung reicht, um alles wieder auf den aktuellen Stand zu bringen. Bei der Grundimmunisierung dagegen kann ein Versemmeln der richtigen Zeitabstände (zum Beispiel ein Intervall von sechs Wochen anstatt drei bis vier) dazu führen, dass man wieder von vorne anfangen darf.

 

So, geschafft! Und was machen wir jetzt bei uns in der Praxis? Liebend gerne würde ich mich präzise an den "Goldstandard" der Stiko-Leitlinie halten (und habe das auch jahrelang getan), weil man dadurch als Tierarzt rechtlich mehr oder weniger unangreifbar wird. Unter dem schon mehrfach erwähnten Impfmotto "So wenig wie möglich, so häufig wie nötig" sind mir aber die deutlich progressiveren Empfehlungen der Münchner Kleintierklinik unter Frau Prof. Dr. Hartmann wesentlich sympathischer. Katrin Hartmann ist übrigens auch Mitglied der Stiko Vet und scheint mit den Impfempfehlungen der von ihr geleiteten Universitätstierklinik einen Standpunkt zum Ausdruck zu bringen, mit dem sie sich in der Kommission eventuell nicht ganz durchsetzen konnte.

 

Ich drifte also in meinem Impfverhalten schon seit einiger Zeit immer mehr in Richtung Münchner Impfschema und bin mit dem (auch in München eingesetzten) Titer-Schnelltest jetzt auch bereit und in der Lage, den nächsten Schritt zu noch längeren Impfintervallen zu gehen. Der Schnelltest kann zu verschiedenen Zeitpunkten in der "Impfkarriere" des Tieres zum Einsatz kommen, um die Notwendigkeit einer Auffrischimpfung zu verifizieren, zum Beispiel vor der letzten Impfung der Grundimmunisierung mit 15 Monaten oder drei Jahre nach dieser. Sowohl die unter Impfkritikern berühmten Untersuchungen von Prof. Ron Schultz (Mitglied der Vaccination Guideline Group der WSAVA) als auch die in der Humanmedizin üblichen Impfleitlinien und die von uns in der Praxis bisher durchgeführten Schnelltests geben uns klare Hinweise darauf, dass eine sauber durchgezogene Grundimmunisierung in vielen (aber sicher nicht allen!) Fällen einen zumindest für viele Jahre, wenn nicht sogar lebenslang anhaltenden Impfschutz gewährt.

 

Die jetzt von den Kommissionen angeführten und auch in den Beipackzetteln der Hersteller genannten Immunitätsfristen sagen rein gar nichts über die echte DOI. Sie sind nur Ausdruck der bisher hieb- und stichfest beweisbaren bzw. für die Zulassung der jeweiligen Impfstoffe gewählten Zeiträume. Ich habe also kein Problem damit, wenn sich ein Tierbesitzer auf eigene Verantwortung dazu entschließen sollte, auch mal (mit oder ohne Schnelltest, je nach Sicherheitsbedürfnis) länger als drei Jahre mit der SHP(Pi)-Combo beim Hund oder der Seuche/Schnupfen-Combo bei der Katze auszusetzen. Ich bin mir, wenn auch nicht hundertprozentig, so doch ziemlich sicher, dass das kein Problem sein sollte.

 

Übrigens: Mit das größte Problem bei dem Versuch, längere Impfintervalle durchzusetzen bzw. den Kunden zu empfehlen, dürften die Zuchtverbände und -vereine sowie Tierpensionsinhaber darstellen. Bei Hunde-Großveranstaltungen und Turnieren muss man froh sein, wenn man bei der Einlasskontrolle nicht auf einen verknöcherten Alt-Funktionär stößt, der noch nie was von dreijährigen Impfintervallen gehört hat und einen mit aus tiermedizinischer Sicht perfekt geführtem Impfpass wieder nach Hause schickt. Für Besitzer, die solche Veranstaltungen besuchen oder ihr Tier von Zeit zu Zeit in Tierpensionen unterbringen wollen, verbieten sich aus diesen Gründen bislang jegliche Experimente mit den Nachimpfintervallen. In solchen Fällen kann ich nur dazu raten, sich genau an die Leitlinien der Stiko Vet zu halten.

 

Damit wir nicht zu überschwänglich werden, jetzt mal zur anderen Seite der Medaille: So ganz komme ich als wissenschaftlich arbeitender Tierarzt dann doch nicht aus meiner Haut raus. Ein gewisses Unbehagen, sozusagen ein Restzweifel, bleibt. Ich würde halt gerne Beweise für eine sieben- oder zehnjährige oder gar lebenslange Immunitätsdauer sehen, und die liegen bislang leider nicht wirklich vor. Auf gut Deutsch: Es kostet mich kleinen Praktiker ganz schön Nerven, gegen die Großkopfeten der Immunologie anzustinken und meinen Patienten zu raten, unter bestimmten Voraussetzungen (z.B. dauerkrankes, altes Tier) auf Nachimpfungen weitgehend zu verzichten. Ich wäre auch sehr ungern für einen Patienten verantwortlich, der das Sprichwort vom Krug, der so lange zum Brunnen geht, bis er bricht, durch eine fatale Erkrankung bestätigt. Man denke nur an die aktuell wieder zunehmenden Parvovirose-Infektionen durch Importwelpen. Wir müssen uns da schrittweise vorarbeiten, was logischerweise nur in Echtzeit geht. Die Tiere, deren Impfstatus beobachtet wird, um bezüglich der notwendigen Impfintervalle neue Daten zu gewinnen, müssen ja auch erst mal fünf, zehn oder fünfzehn Jahre alt werden, bis man entsprechende Aussagen treffen kann. Da braucht es schon mehr als nur ein wenig Geduld. Und wir müssen uns immer mal wieder daran erinnern, dass wir in der Tiermedizin mit der Staupe, der Parvovirose, der Katzenseuche, der Felinen Leukämie und natürlich der Tollwut gegen Krankheiten impfen, die nicht nur ein wenig unangenehm, sondern echte Killer sind. Allzu viel Spielraum für Fehler gibt es da nicht.

 

Dazu kommt ein in meinen Augen sehr gewichtiger, von Impfkritikern aber gern übersehener ethischer Aspekt: Wirklich beweisende Untersuchungen zur Immunitätsdauer (DOI) sind zwangsläufig Challenge-Versuche, denn die Impftiter allein helfen uns diesbezüglich nicht weiter. Bei Challenge-Versuchen werden Hunde und Katzen, die vor so und so langer Zeit geimpft wurden, vorsätzlich mit dem echten Felderreger infiziert, um dann zu sehen, ob sie noch ausreichend geschützt sind. Sind sie es nicht mehr, werden sie natürlich krank und landen in der Pathologie. Nicht wirklich nett für die jeweiligen Probanden! Will man das konsequent durchziehen, benötigt man ganze Kohorten von Versuchstieren, die nach meinem Verständnis während der zu beobachtenden Zeiträume (also über viele Jahre) eigentlich komplett isoliert gehalten werden müssten, da sie ja ansonsten in freier Wildbahn dem echten Felderreger begegnen könnten, der dadurch für eine Nachimpfung auf natürlichem Wege sorgt. Es stellt sich also in Anbetracht der sehr kleinen bis geradezu winzigen Nebenwirkungswahrscheinlichkeiten von Impfungen schon die Frage, wie hysterisch und egoistisch wir sein und wie viele Versuchstiere wir dran glauben lassen wollen, nur damit unser eigener Vierbeiner ja nicht einmal zu viel geimpft wird.

 

Warum überhaupt die ganze Wallung und der enorme Aufwand? Warum ballern wir nicht weiter wie früher unter dem Motto "Sicher ist sicher" einfach jedes Jahr alles in das Tier rein, was geht? Nun, ganz einfach: Weil es sich im Lauf der Jahre zunehmend als unnötig herausgestellt hat. Bei einer ganz und gar unnötigen Intervention gelten auch noch so kleine Nebenwirkungsrisiken als inakzeptabel.

 

Welche unerwünschten Nebenwirkungen machen uns eigentlich Sorgen? Mal abgesehen von den für Impfungen generell üblichen Problemen wie Schmerzen, Schwellungen und Rötungen an der Impfstelle, Abgeschlagenheit, leichtem Fieber, allergischen Reaktionen usw., also Dingen, die im Vergleich zu den Krankheiten, gegen die man impft, Kleinigkeiten sind, gibt es zwei Sachen, die einem wirklich Bauchweh machen können:

 

Das injektionsassoziierte Fibrosarkom der Katze: Jede Injektion (nicht nur Impfungen!), die eine lokale Entzündung der Unterhaut verursacht, hat mit einer Wahrscheinlichkeit von etwa 1 zu 5000 das Potential, Jahre später ein Fibrosarkom, einen sehr bösartigen Tumor des Bindegewebes, auszulösen. Deshalb auch die Verlagerung des bevorzugten Injektionsortes am Körper der Katze vom Nacken zur seitlichen Bauchwand oder an die Hintergliedmaße, wo diese Art von Tumor besser operiert werden kann. Deshalb auch das Bemühen, die Katze wirklich mit so langen Intervallen wie möglich zu impfen. Und deshalb auch die in unserer Praxis verwendete komplett adjuvantienfreie Katzen-Impfstoff-Linie Purevax, die durch das (technisch schwierige) Weglassen von Adjuvantien weniger entzündungsauslösend ist und damit auch weniger Fibrosarkome verursachen sollte.

 

- Impfungen können unter bestimmten Umständen Autoimmunerkrankungenauslösen. Spätestens seit dem unstrittigen Nachweis des Zusammenhanges zwischen dem Human-Impfstoff Pandemrix (gegen das Schweinegrippe-Virus H1N1) und dem vermehrten Auftreten der Narkolepsie (geimpfte Personen haben ein 13-faches Risiko im Vergleich zu ungeimpften) dürfte das als gesichert gelten. Für den Hund wird ein Zusammenhang zwischen bestimmten Impfungen (Leptospirose?) und immunvermittelten Krankheiten wie zum Beispiel der Autoimmunen Hämolytischen Anämie (AHA) zumindest diskutiert. Da reden wir von sehr schlimmen und absolut lebensbedrohlichen Krankheiten, die man keinem wünschen möchte. Wir wollen sie dementsprechend auch nicht durch zu häufiges Impfen auslösen. Andererseits: Für einen Haustierarzt wie mich, der im Jahr weit über 5000 Patienten sieht, können viele Jahre vergehen, bis er mal wieder eine AHA auf den Tisch bekommt. In Anbetracht der Tatsache, dass so gut wie jeder meiner Patienten auch geimpft ist, ist das natürlich nichts, weswegen man panisch werden müsste. Das gilt übrigens auch für den erwähnten Zusammenhang zwischen dem Impfstoff Pandemrix und der Narkolepsie: Etwa 6,4 Millionen Deutsche haben diese Impfung erhalten, die Zahl der gemeldeten Verdachtsfälle von Narkolepsie liegt bei 50 bis 60.

 

Ansonsten werden von verschiedenen Seiten alle möglichen Erkrankungen mit Impfungen in Verbindung gebracht, ohne dass es dafür wissenschaftlich tragfähige Beweise gäbe. Man muss ja heutzutage nur einen epileptischen Anfall beim Hund mit dem Handy filmen, ihn auf Facebook stellen und einfach behaupten, dass die L4-Impfung von vor drei Tagen, drei Wochen oder drei Monaten das verursacht hätte, und schon glauben das wieder ein paar Millionen. Schließlich steht es im Internet, also muss es ja wohl stimmen. Na ja, da machste nichts dran! Meine sicher vielen von Ihnen bekannte Kollegin Sophie Strodtbeck kontert solche geistig reichlich einfach gestrickten Schlussfolgerungen gerne mit der Bemerkung, dass die meisten Hunde, die einen ersten epileptischen Anfall bekommen, höchstens eine Stunde zuvor durch eine Tür gegangen sind, was aber nicht bedeuten muss, dass das Durchschreiten von Türen Epilepsie auslöst. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich kann wissenschaftlich nicht ausschließen, dass Impfungen in extrem seltenen Fällen auch eine Epilepsie auslösen können. Das Gegenteil, also der Beweis dafür, ist aber bisher eben auch nicht angetreten worden.

 

Wenn wir von Nebenwirkungen reden, müssen wir uns auch noch kurz um das Thema Adjuvantien kümmern. Adjuvantien sind Hilfsstoffe, die der Impfung (in der Regel einem Totimpfstoff) beigegeben werden, um eine stärkere Immunantwort auszulösen. Viele Menschen fürchten sich vor Adjuvantien, trotz einer ziemlich eindeutigen Datenlage zur Ungefährlichkeit dieser Hilfsstoffe. Was Adjuvantien angeht, sieht es bei unseren vierbeinigen Patienten gar nicht so schlecht aus. Katzen können wir dank der von uns verwendeten Purevax-Impfstoff-Linie lebenslang adjuvantienfrei impfen. Beim Hund stoßen wir nur beim Tollwut-Impfstoff auf ein Adjuvans auf Aluminiumphosphat-Basis. Typischerweise lassen Adjuvantien die Mediziner völlig kalt (auch bei sich selbst), die Impfkritiker dagegen machen sich deswegen regelmäßig in die Hose. Wie auch immer man dazu stehen mag: Der für die Katze zugelassene und adjuvantienfreie Purevax-Tollwut-Impfstoff lässt hoffen, dass es auch für den Hund alsbald so etwas geben könnte. Dann wäre wenigstens Ruhe mit dem Theater.

 

Aber, oh weh, sowohl im Tollwut- als auch im Leptospirose-Impfstoff findet sich das Konservierungsmittel Thiomersal! Quecksilber!!! Supergiftig!!! Und wieder sitzt der Mediziner ungerührt da und lacht sich eins über die grassierende Paranoia. Bei Thiomersal handelt es sich um Ethylquecksilber, das wesentlich schneller wieder aus dem Körper ausgeschieden wird als das mit der Nahrung aufgenommene Methylquecksilber. Und wie das Methylquecksilber mit der Nahrung aufgenommen wird! Wenn Sie Ihrem Vierbeiner Dosen oder Trockenfutter mit Fischanteil kaufen, bekommt er mit jeder Mahlzeit mehr Quecksilber ab als mit der einen Impfdosis einmal im Jahr. Also lasst uns bitte auf dem Teppich bleiben!

 

Ein abschließendes Fazit bzw. persönliches Statement in griffigen Sätzen (in Fachpublikationen nennt man das seit einiger Zeit ganz hip und modern "Take Home"):

 

- Die Leitlinien der Ständigen Impfkommission Vet sind seit Jahren für Deutschland der „Goldstandard“. Kolleginnen und Kollegen, die immer noch stur jährlich gegen alles impfen, machen dem Berufsstand damit keine Ehre und verhalten sich ihren Kunden gegenüber nicht korrekt.

 

- Es sollte keinem Tierarzt vorgeworfen werden, wenn er sich an die Leitlinien der Stiko Vet hält und noch längere Impfintervalle als verfrüht und zu riskant ablehnt. Jeder hätte gern berufliche Rechtssicherheit, und die ist mit dem genauen Befolgen der Stiko-Leitlinien weitgehend zu bekommen.

 

- Allerdings stehen in meinen Augen die Stiko-Empfehlungen im Vergleich zu anderen Leitlinien - und hier besonders denen der Münchner Kleintierklinik - schon wieder ein wenig altbacken da. Eventuell tut sich da aber bald was Neues, nachdem die Kommission gerade von Grund auf umorganisiert wurde.

 

- Die perfekte Grundimmunisierung ist meine persönliche heilige Kuh! Meiner Meinung nach entstehen die meisten Impflücken durch eine schlampige oder unvollständige Grundimmunisierung.

 

- Wenn sich ein Tierbesitzer auf eigene Verantwortung dazu entschließt, nach einer guten Grundimmunisierung (!) mehr als dreijährige Impfintervalle anzustreben oder gegen die Krankheiten, für die das in Frage kommt, ab einem bestimmten Alter gar nicht mehr impfen zu lassen, dann bin ich der Letzte, der da im Weg steht. Titer-Schnelltests sind dafür nicht unverzichtbar, können aber eine gewisse Orientierungshilfe in diesem unübersichtlichen Gelände bieten.

 

- Wie die Guideline Group der WSAVA und so einige andere Kolleginnen und Kollegen bin ich - ohne es beweisen zu können - der Meinung, dass eine gut aufgebaute Immunität gegen Viruserkrankungen viele Jahre, vielleicht sogar lebenslang bestehen bleibt. Es muss aber auch klar sein, dass mit dem Ausreizen der Nachimpfintervalle ein gewisses Risiko verbunden ist.

 

- Impfungen gegen Krankheiten, die nur in jungen Jahren ein Risiko darstellen, sollten auch entsprechend zur richtigen Zeit eingestellt werden. Dies betrifft vor allem die FeLV-Impfung bei der Katze, die wir nur bis zum siebten Lebensjahr geben. Bei Hunden, die nicht regelmäßig einem erhöhten Infektionsdruck (z.B. auf Großveranstaltungen) ausgesetzt sind, kann nach erfolgter Grundimmunisierung die Nachimpfung gegen Parainfluenza wegfallen.

 

- Was für den einen Hund oder die eine Katze richtig sein mag, ist es noch lange nicht für jedes Tier. Es ist deshalb in jedem Fall wichtig, unter Berücksichtigung vieler Faktoren (aktueller Stand der Wissenschaft, Vorgeschichte, Alter, Lebensumstände, Dauererkrankungen, etc.) für das jeweilige Tier einen maßgeschneiderten Impfplan zu formulieren.

 

Ich kann mich noch gut erinnern, wie vor etwa 25 Jahren Professor Marian Horzinek (Mitglied sowohl der Stiko Vet als auch der Vaccination Guideline Group der WSAVA) auf der Bühne der Baden Badener Kleintiertage stand und provokant fragte: "Wie oft haben Sie sich denn gegen Masern nachimpfen lassen? Gar nicht? Warum impfen Sie dann die Staupe beim Hund jedes Jahr?" (Man muss dazu wissen, dass das Staupe- und das Masernvirus sehr eng verwandt sind.) Als ganz junger Tierarzt, dem man das jährliche Nachimpfen richtig ordentlich eingeimpft hatte, dachte ich für mich und sicher gemeinsam mit 90 Prozent der anwesenden Kolleginnen und Kollegen: "Wo ist der Typ denn ausgebrochen?". Das, worüber wir heute diskutieren, hätte ich mir damals sicher nicht träumen lassen.

 

So, das war's jetzt aber. Ich bin sicher, dass es in den Kommentaren auf Facebook neben viel Zustimmung auch wieder jede Menge Propaganda von Impfverweigerern (Anti-Vaxxern) geben wird, die sowieso erst dann zufrieden wären, wenn wir verblendeten Big-Pharma-Impfsklaven endlich zugeben würden, dass sie die Schlausten überhaupt sind. Und ich möchte wetten, dass wieder irgendwer völlig zusammenhanglos verkünden wird: Wir BARFEN!!! Aber das alles soll die große Mehrheit der Vernünftigen nicht weiter kratzen. Ich hoffe, Sie empfinden meine Informationen als nützlich, und bitte Sie wie gewohnt:

 

Bleiben Sie uns gewogen, bis bald, Ihr

 

Ralph Rückert

 

© Kleintierpraxis Ralph Rückert, Bei den Quellen 16, 89077 Ulm / Söflingen

 

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Lesen Sie dazu den Beitrag "Hunde und Katzen richtig impfen" in meiner Rubrik "Wissenswertes"